Rythmysche Grundlagen
Wie in jeder anderen Kunstform ist auch der indische Musiker an gewisse wohldurchdachte Darbietungsvorschriften im weitesten Sinne gebunden. Zu nennen wären hier Raga und Tala.
Raga, oder auch musikalischer Modus, ist eine Gruppe von Tönen, die einer besonderen Stimmung entspricht und in welcher der Musiker unter Beachtung fester Regeln ein Thema entwickelt, im allgemeinen in improvisierter Form. Diese Ragas sind im klassischen Sinne an verschiedene Tageszeiten gebunden, zu denen sie aufgeführt werden dürfen. Davon kommt man leider immer mehr ab. Folgende Elemente sind für eine Raga charakteristisch:
- Eine Tonskala mit präzisen Intervallen, die von einem festen und unveränderlichen, ständig gespielten Grundton ausgeht.
- Bestimmte melodische und ornamentale Elemente, sowie für einige Töne geltende Spielvorschriften, die von Raga zu Raga verschieden sind.
- Zwei charakteristische Haupttöne (Vadi und Samvadi), von denen der eine bisweilen der Grundton ist. Auf diesen Tönen beruht die Melodie, auf ihnen beginnen und enden die Melodiefiguren.
- Bestimmte Improvisationsteile, die mehr als andere an die Stimmung des Modus angepaßt sind.
Es gibt nach alten Sanskritschriften über 16.000 verschiedene Ragas. Die heutigen Musiker kennen davon etwa noch 300, gespielt werden etwa um die 100.
Wie Raga das fundamentale Element der Melodie ist, so ist Tala das essentielle Element des Rhythmus. Tala ist ein geordneter, rhythmischer Zyklus, der aus verschiedenen Zeittakten bestehen kann. Keine andere Musikkultur unserer Erde hat ein so ausgeklügeltes und mit allen Raffinessen ausgestattetes Rhythmussystem wie die indische Musikkultur. Alle rhythmischen Einzelelemente sind von der Vernunft her konzipiert und lassen sich in einem äußerst detaillierten System notieren. Jede Art, eine Trommel zu schlagen, sei es mit einem Finger oder zwei, mit der flachen Hand auf den Rand oder in die Mitte oder dergleichen mehr, wird durch eine Silbe dargestellt. Dadurch kann der Musiker sehr komplizierte Variationen auswendig lernen und sie, sogar ohne zu spielen, durcharbeiten.
Die Ausführung wird improvisiert, und man verwendet, genau wie beim Melodiespiel, oft sehr schwierige und kunstvolle rhythmische Figuren, die über den gegebenen rhythmischen Zyklus gespielt werden. Die Zahlenverhältnisse, die beim Rhythmus die Zeiteinteilung festlegen, entsprechen denen, die die Intervalle von Tönen festlegen. Daraus ist ersichtlich, daß die rhythmische Ästhetik und die emotionale Wirkung der einzelnen Rhythmen ebenso tief und nachhaltig sind wie die der Modi.
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